
Eine Stunde später standen nur wenige Worte auf dem Zettel … mehr als “Aus Liebe zu mir werde ich jetzt …” hatte Christina nicht schreiben können. Denn als sie erkannte, wie wenig ihr einfiel, und wie schwer ihr schon die Vorstellung fiel, diese Dinge umzusetzen … da liefen wieder viele, viele Tränen. Sie hatte das doch alles mal so gut gekonnt … vor vielen Jahren! Was war nur passiert … ?
Nein, sagte sie sich energisch … ich werde nicht mehr forschen, sondern direkt an die Umsetzung der Ideen gehen. Nur das hilft jetzt – auch wenn es mir grad so schwer fällt. Wenn ich jetzt nur jemanden hätte, der mir helfen würde! Schon wieder spürte sie Tränen aufsteigen … Sie musste einfach raus, sich bewegen, unter Menschen. Entschlossen packte sie Stift und Zettel in ihre Handtasche und verließ die Wohnung.
Eine halbe Stunde später betrat sie ein Bistro. Suchend schaute sie sich nach einem freien Platz um und entschied, sich zu einer Frau zu setzen, die in einer Zeitschrift blätterte. “Ist der Platz hier noch frei?” fragte sie höflich. Die Frau blickte kurz auf und nickte. “Ja … der ist leider noch frei.” Christina bestellte sich einen Latte Macchiato und holte Stift und Zettel aus ihrer Tasche. Ein neuer Anlauf …
Diesmal kam eine kleine Liste zustande. Immerhin ein Anfang … “Entschuldigung, ich möchte nicht unhöflich sein, aber … ich bin doch zu neugierig. Was ist das für eine Liste?” Die Frau neben ihr schaute sie freundlich interessiert an. Christina überlegte kurz … warum nicht ein netter Plausch, das würde sie sicher aufmuntern. Doch als sie mit kurzen Worten beschrieben hatte, was ihr grad passiert war und warum sie nun diese Liste schrieb, sah sie mit Bestürzung, dass die Frau in Tränen ausbrach. “Was hab ich denn bloß gesagt, was Sie jetzt so zum Weinen bringt?” fragte sie leise. Vorsichtig umarmte sie die Frau … ihr war etwas seltsam zumute, weil sie sie ja gar nicht kannte, aber trotzdem war das Gefühl zu übermächtig und sie wollte etwas Trost spenden. Stockend begann die Frau, ihre Geschichte zu erzählen … sie war erst ein paar Jahre verheiratet gewesen und hatte vor wenigen Wochen entdeckt, dass ihr Mann sie betrog … über einen längeren Zeitraum hinweg. Sofort hatte sie ihre Sachen gepackt und war zu einer Freundin gezogen … aber nun fand sie keinen Weg aus ihrer Trauer und ihrer Wut. Und dass sie nun ausgerechnet eine Frau kennenlernen und auch noch symphatisch finden würde, die eine Geliebte gewesen wäre …
Unschlüssig saß Christine da … das war wirklich eine höchst seltsame Situation. Aber, in ihrem Schmerz fühlten sie sich doch verbunden, und sie hatten das gleiche Ziel: Neuanfang. Da die Frau neben ihr leise vor sich hinschluchzte, begann Christine leise zu reden: “Den Kerlen zeigen wir’s jetzt! Denen wird es noch leid tun, dass sie uns nicht haben wollten! Ich bin übrigens Christine … Hast Du Lust, mich morgen zum Friseur zu begleiten und mich zu beraten? Und danach einen kleinen Boutiquen-Bummel? Das macht doch gemeinsam viel mehr Spaß als alleine.”
Das Schluchzen war verstummt … und dann sah Christine, wie sie langsam nickte. “Ich heiße Jutta. Ich komm gerne mit … danke.” Sie tauschten die Handynummern aus und verabredeten sich für den nächsten Vormittag.