
Christina öffnete die Augen. Es war stockfinster, also musste es noch mitten in der Nacht sein. Seufzend drehte sie sich im Bett um und versuchte wieder einzuschlafen. Doch er hatte sich bereits gemeldet … der Herzschmerz, von dem sie meinte, er würde täglich zunehmen. Hieß es denn nicht, die Zeit heilt die Wunden? Warum wurde er nicht weniger, wo sie ihn doch jetzt zuließ und trauerte?
Sie drehte sich von einer Seite auf die Andere, versuchte die quälenden Gedanken zu verscheuchen und sich in schöne Träume zu flüchten. Was mal wieder nicht gelang … stundenlang lag sie wach und grübelte. Ging in Gedanken so viele Situationen durch … die letzten Gespräche … die letzten Mails. Wie ein Detektiv, der nach einem Hinweis sucht … wo war möglicherweise ein Fehler passiert, was hatte sie falsch gemacht, warum hatte es kein Happy-End gegeben?
Immer wieder die gleichen Fragen, auf die sie keine Antwort fand … Obwohl es noch sehr früh war, stand sie auf und kochte sich einen Tee. Sie schaltete den PC an … vielleicht war ja ein Wunder geschehen, ER hatte eine Mail geschrieben und alles klärte sich auf? Nein, nichts … er war einfach nicht mehr vorhanden in ihrer Welt. Er hatte sich einfach so verabschiedet mit den Worten “Ich schaffe es einfach nicht, meine Angst zu überwinden und mich von meiner Freundin zu trennen. Ich liebe Dich zwar, aber … ich kann nicht. Die Verantwortung für meine Freundin … die lange Zeit, die uns verbindet … vielleicht finde ich die Liebe unter all der Gewohnheit ja wieder … “
Na, dann sollte er mal schön suchen! Bei der Erinnerung an seine letzten Worte kroch in Christina wieder die Wut hoch … ein Jahr lang hatte er ihr versichert, dass er dabei wäre, den Mut für eine Trennung zu sammeln … dass sie diejenige wäre, mit der er leben wolle, mit der er glücklich sein wolle. Ein Jahr lang hatte sie ihm geglaubt, hatte sie ihrem Gefühl für ihn vertraut … ein ganzes Jahr lang! Die Wut breitete sich in ihrem ganzen Körper aus … um Himmels Willen, WAS jetzt tun? Irgendetwas musste sie TUN, um sich abzureagieren …
Ihr Blick fiel auf ein kleines Plüschtier, das er ihr geschenkt hatte. Sein letzter Brief fiel ihr ein – er lag noch ungeöffnet auf dem Tisch. Das Top, das er ihr von einer Dienstreise mitgebracht hatte. Die Ohrringe, die er ihr bei einem Wochenend-Trip geschenkt hatte. Hastig suchte sie alles zusammen, steckte alles in einen großen Umschlag und schrieb seine Adresse darauf. Sie wollte NICHTS mehr davon sehen, NICHT mehr erinnert werden … und ER sollte das wissen.
Nachdem sie den Umschlag bei der Post aufgegeben hatte, ging es ihr ein bißchen besser, und sie spazierte lange durch den Wald. Es war ein kühler, aber sonniger Wintertag … aber es wollte sich nicht die Freude einstellen, die sie sonst empfand, wenn sie in der Natur unterwegs war. Als wäre ihr Herz von einer großen Mauer umschlossen. Als wäre kein bißchen Liebe mehr da …
“Wie auch?”, dachte sie trotzig. Ist ja keiner mehr da, der mich liebt … oder … zumindest so tut als ob. Bei dem Gedanken stiegen ihr Tränen in die Augen … die sie ärgerlich wegwischte. Pah … dann …. dann … lieb ICH mich eben! Abrupt blieb sie stehen. Dann lieb ich mich eben? Und wie in einem Film im Schnelldurchgang sah sie ganz viele Szenen aus dem letzten Jahr … aus ihrem Leben … sah sie sich … nein, von Liebe für sich selbst war da keine Spur. Wie konnte denn das nur passiert sein?
So reifte in Christina ein Plan. Ab heute handel ich ganz besonders aus Liebe zu mir! Wieder daheim, holte sie Stift und Zettel und begann zu schreiben …
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